Das Kultzentrum

Das Grabheiligtum

Siegel aus dem Pfarrarchiv
Siegel aus dem Pfarrarchiv

Jede Heiligenverehrung hatte ursprünglich lokalen Charakter, da sie oft an die irdischen Überreste (Gebeine) des Heiligen gebunden ist. So wird das die Gebeine bergende Grab zum Heiligtum, der Sarg zum Altar und das Grabheiligtum zur eigentlichen Heimat des Heiligen, zum Kultzentrum. Dort findet auch die Verehrung meist ihre Eigenart, ihren Charakter und schafft sich ihre Kultformen. Der Kult strahlt getragen von mehr oder weniger wirksamen Kultträgern über das Grabheiligtum und die lokale Begrenztheit hinaus in verschiedene Räume und Zeiten. So auch bei St. Wendelin. Seine Verehrung lebt vor allem durch sein Grabheiligtum und die Vielfalt der Legendenmotive.
Der Abstand zwischen dem Tod und der geschichtlich nachweisbaren Grabverehrung des hl. Wendelin in Basonisvillare/ St. Wendel ist verhältnismäßig groß. 1180 wird der Ort erstmals Sancto Wandalino genannt. Obwohl die ältere lateinische Legende meldet, dass bald über dem frischen Grabhügel St. Wendelins eine Kapelle gebaut wurde, fehlen über diese und das erste Grabheiligtum vor 1200 jegliche urkundlichen Zeugnisse

Historische Aufnahme der Basilika um 1920

Geschichtlich belegt ist jedoch bereits vor 1300 eine Pfarrkirche in St. Wendel mit eigenem Pfarrsiegel. Sie wird in einer Urkunde vom 29. März 1319 "die Kirche des hl. Bekenners Wendelinus" und in einer anderen vom 20. Oktober 1324 die des "hl. Beichtigers Wendalinus" genannt. In letzterer findet auch die Übertragung der Gebeine wiederholt Erwähnung.

Dass es vor der heutigen Wendels-Basilika schon eine frühere Pfarrkirche gab, bezeugen auch alte Mauerreste im Westwerk der Basilika und spätere Ausgrabungen. Die alte Kirche musste dann jedoch einem Neubau weichen. In deren Bauzeit wurden die heiligen Gebeine Wendelins in der Magdalenen-Kapelle in St. Wendel aufbewahrt.

Das neue Grabheiligtum, ein eindrucksvolles Symbol der ersten spätgotischen Blütezeit der Verehrung Wendelins, 1753 mit einem barocken mittleren Turmhelm gekrönt, wurde zum Wahrzeichen der Stadt St. Wendel. Der Grundstein dieser neuen Kirche wurde zur Zeit jenes Mannes gelegt, der für den politischen und kulturellen Stellenwert der Stadt ab dem 14.Jahrhundert von ausschlaggebender Bedeutung war: der Trierer Erzbischof und Kurfürst Balduin von Luxemburg.
Leider sind sichere Nachrichten über die Errichtung der kunstgeschichtlich wertvollen dreischiffigen Hallenkirche nur spärlich überliefert.

Bilder der 600-Jahr-Feier der Übertragung der Gebeine und der Weihe des Chors der Basilika
Bilder der 600-Jahr-Feier der Übertragung der Gebeine und der Weihe des Chors der Basilika

Es gab drei Bauphasen:
In der ältesten Bauphase wurde der gotische Ostchor, welcher zu Balduins Zeiten begonnen worden war, im Jahr 1360 an Pfingsten unter seinem Nachfolger, Erzbischof Bohemund von Saarbrücken, fertiggestellt und eingeweiht. Dieses Ereignis wurde mit der festlichen Übertragung der Gebeine verbunden.

Während der zweiten Bauphase (etwa um 1400) wurde unter anderem die charakteristische spätgotische Westturmanlage errichtet.

In der dritten Bauphase, entstand das Langhaus, welches um 1450 vollendet wurde.

Diese Baugeschichte wurde bei der 600-Jahr-Feier der Grab- und Wallfahrtskirche vom 6.-12. Juni 1960 wieder lebendig. Durch langjährige Vorbereitung wollte man das Heiligtum durch vollendete Wiederherstellung seiner ursprünglichen Schönheit und Größe erstrahlen lassen. Insgesamt drei Jahre dauerte die Restauration; große Flächen des schadhaften Mauergesteins wurden ergänzt. In den Jahren 1959/60 fand die Innenrenovierung statt. Die äußere Würde der renovierten Kirche wurde noch erhöht und gekrönt durch die Erhebung zur päpstlichen "Basilica minor". Allerdings hat das Grabheiligtum des heiligen Wendelin bis heute im Volksmund - fälschlicherweise - den Namen "Wendelsdom" beibehalten.

Zwischen 1979 und 1981 fanden erneute Renovierungen der Basilika statt. Seitdem haben die Reliquien Wendelins, die seit 1924 in der Tumba unter dem Chorboden ruhten, wieder ihren Platz im Hochgrab hinter dem Altar.

 

Wendelinus-Kapelle mit Klausner-Haus
Wendelinus-Kapelle mit Klausner-Haus

Die Wallfahrtskapelle

"Am Brunnen und in der Wallfahrtskapelle lebt St. Wendelin sein Legendenleben weiter, dort lebt der Einsiedler in seiner Klause, dort lebt der Hirte, der seinen Stab in den Wiesengrund stößt, dass ein Quell hervor sprießt für die durstige Erde und Herde, dort sprudelt der Wunderquell als Heilbrunnen weiter, dort grünt und erquickt der Wunderstab in altehrwürdigen Baumriesen, dort wirkt der hl. Hirte und Einsiedler seine Wunder weiter, dort ist er Hirte und Helfer für Haus, Hof, für Weide und Stall. "
Für viele ist das stille Heiligtum, die Wendels-Kapelle, Ziel ihrer Pilgerfahrten, noch bevor sie die heiligen Gebeine in der Basilika aufsuchen. Besonders an Wendels-Festen und Wallfahrtstagen (Pfingstmittwoch, Wendelskuchentag (5. Juli), Sterbetag des Heiligen (20. Oktober)) strömen Pilger heran, oft leise für sich oder laut in Gemeinschaft betend:
"Heil'ger Wendelin, zu dir kommen wir: Deine Hilf begehren wir."

Der Ursprung und die Entwicklung des Kapellenheiligtums sind weitgehend unklar. Sicher ist, dass es aus jüngerer Zeit stammt. Erst 1682 ist ein bescheidenes Bethäuschen belegt.

Innenansicht der Wendels-Kapelle: Altar (Rokoko) und gemaltes Fenster (1933) mit Wendelin Motiv
Innenansicht der Wendels-Kapelle: Altar (Rokoko) und gemaltes Fenster (1933) mit Wendelin Motiv

Für das Jahr 1686 ist die Grundsteinlegung für eine kleine Kapelle bezeugt. Der St. Wendler Pfarrer Keller berichtet 1704 in seinem Pilgerbüchlein bereits von Kapelle und Klause. Die jetzige Kapelle mit Eremitenhaus wurde nach einem Auftrag des Amtmannes und kurfürstlichen Hofrates Franz Ernst d'Hame im Jahre 1755 von Baumeister Johannes Schubmehl nach Entwürfen von Augustinerbruder Josef Walter an Stelle der älteren Anlage gebaut. Da eine Weihe der Privatkapelle verweigert wurde, schenkte D'Hame diese der Stadt St. Wendel, um die Weihe zu ermöglichen.

Der Baustil zeigt Formen des Rokoko. Das Innere wirkt friedlich: gemalte Fenster mit Motiven aus dem Leben St. Wendelins, vergoldetes Schnitzwerk an der Decke und das Altar-Standbild des Heiligen.

Im Vorbereich der Kapelle entspringt der Wendelsborn. Die jetzige Einfassung des Brunnens wurde 1742/43 errichtet. Man steigt auf acht Stufen zur Quelle hinab. Das mit Sandsteinquadern eingefasste Becken, neben dem ein Zinnbecher an einer Kette zum Wasserschöpfen einlädt, wurde bis vor einiger Zeit von einem Kruzifix überragt, zu dessen Füßen Wendelin mit seinem Hirtenstab stand, durch den der Heilige die Quelle (der Legende nach) zum Sprudeln brachte. Kruzifix und Wendelin-Standbild sind allerdings im Laufe der Zeit so sehr verwittert, dass sie zur Restauration abgenommen wurden.
Über dem Brunnen erhebt sich auf zwei Rundsäulen ein Steinbaldachin mit Kreuzgewölbe.
Eine (lateinische) Inschrift an der Stirnseite besagt: "Quell des heiligen Hirten, der dem Felsen des Heiles entspringt, komm zu Hilfe den Menschen und Tieren." Hinter der Bedachung steht auf einem Postament ein großes barockes Standbild des Fluss- und Brückenpatrons, des heiligen Johannes von Nepomuk. Es wurde 1812 von einer Bliesbrücke, die immer wieder dem Hochwasser zum Opfer fiel, hierher versetzt.

Der Wendelsbrunnen vor der Wendelskapelle
Der Wendelsbrunnen vor der Wendelskapelle

Noch heute ist der Wendelsbrunnen im Wendelstal beim Bosenberg eine Lieblingsstätte der Pilger. Einheimische und Fremde beutzen das ganze Jahr hindurch den Kapellenweg zur Quelle. Zu früheren Zeiten gab es vermehrt Brunnenpilger, die aus dem Gnadenquell tranken und dort ihre Pilgerflasche, verziert mit einem Bild des Heiligen, füllten.

An Wallfahrtstagen wurden kleine Wachsfiguren in Form von Tiergestalten verkauft, welche die Pilger in den Brunnen tauchten und dann mit nach Hause nahmen, um sie im Stall aufzubewahren. Als Opfergaben brachten die Wallfahrer nicht nur Geld, sondern auch Erzeugnisse des Ackerbaus und der Viehzucht dar.