Die hl. Wendelinus in Legenden und Dichtung

Die historische Gestalt des hl. Wendelin ist nur mit wenigen Fakten belegt, die Legenden um ihn sprudeln umso reicher.

Im Spätmittelalter entsteht die bekannteste Fassung der Wendelinuslegende, die den hl. Wendelin zu einem Königssohn aus Schottland macht, welcher sich anlässlich einer Wallfahrt nach Rom entschließt der Krone zu entsagen und sich als frommer Einsiedler im fränkischen Königreich niederzulassen. Er lässt sich am Fuß des Bosenberges nieder und dient einem Trierer Adeligen als Hirte. Wegen seiner Frömmigkeit wird er von den Mönchen der nahen Abtei Tholey zum Abt gewählt. Nach seinem Tode ereignen sich am Grabe des Heiligen viele Wunder und die Wallfahrt setzt ein.

Der hl. Wendelin wird als Patron der Landwirte und insbesondere als Viehpatron verehrt. Recht neu ist seine Anrufung als Patron der bedrohten Umwelt.

Das Mittelalter

Leider gibt es keine zeitgenössische Vita des hl. Wendelin. Erst mehrere Jahrhunderte nach seinem Tode entstehen die ersten Legenden. Dem Geist der Zeit gemäß sind die ersten Legenden in lateinischer Sprache gehalten:

  • L 1: Cum sancta
  • L 2: Beatissimus et gloriosus
  • L 3:  Gloriosus pater

Zur Legende L1:

Die Herkunft der Legende 1 ist nicht gesichert. Nach Stil und Inhalt ist sie einem klösterlichen Umfeld zuzuordnen. Der Heilige wird als „Pater Wendelinus“ angeredet und Wendelin als tugendhafter und vorbildlicher Mönch geschildert. Hier schrieb ein Mönch über einen Mönchsheiligen. Der Sprachstil ist klösterlich, und der lateinische Text wirkt in Diktion und Aufbau altertümlich. Das von Bollandisten festgesetzte Entstehungsjahr 1417 ist nicht zu belegen. Die Legende scheint wesentlich älter zu sein und könnte in das 11./12. Jahrhundert datieren. Vom Inhalt hat L1 schon mehr von einer Legende als von einer Lebensbeschreibung. Viele Wunder und wenige Taten werden berichtet. Das Programm des Heiligen steht im Vordergrund.

Zur Legende L2:

Diese Legende stammt aus dem "Sanctilogium III" des Kanonikers Gielemans, gestorben 1487, der in Rubea Valle bei Brüssel lebte. Woher Gielemans sein Wissen bezog, ist unbekannt. Die Erwähnung der Übertragung des Leichnames des hl. Wendelin von einer nahe gelegene Kapelle in die neu erbaute Wendelskirche gibt einen Hinweis auf die Entstehung um 1360 (Einweihung der neuen Wendelskirche und Translation der Gebeine).
Die Legende schildert noch einen stark mönchisch geprägten Heiligen, der aber als Klosterhirte und Einsiedler in dienender Funktion betont wird. Durch besonders starke Betonung des Hirtenwunders wird hier schon der spätere Hirtenheilige hervorgehoben. Auffällig sind die Erwähnung einer ersten Kirche über dem Grab des Heiligen und die Überführung der Gebeine in eine neu erbaute Kirche. Stark wird der Strom der Pilger und die Vielzahl der Wunder betont. Mit Ausnahme des angeblichen Geburtsortes Schottland und der Stadt Trier ist diese Legende noch ohne Angabe von Zeit und Raum.

Zur Legende L3:

Diese stellt im Wesentlichen eine Zusammenfassung von L1 und L2 dar. Aufgrund einer Angabe im Text ist die Datierung problemlos. Sie wurde am Tag nach Aschermittwoch des Jahres 1514 niedergeschrieben.

Auffallend ist, dass alle drei lateinischen Legenden den monastischen Wendelin betonen, ohne dass an irgendeiner Stelle vom Kloster Tholey die Rede ist.

Legenden in deutscher Sprache:

  • D1: Christus der seyn genad
  • D2: Wendelinus der hyllighe man

Zur Legende D1:

Diese Legende ist zeitlich gesehen die bis heute wirksamste gewesen. Sie legt die Grundlage für das noch heute verbreitete Bild vom hl. Wendelin. Diese Legende gestaltet die Bilder des Königs-, Pilger-, Einsiedler-, Hirten- und Mönchmotivs. Der Hirten- und Bauernheilige wird betont, dem Mönch- und Abtmotiv jedoch zugleich Rechnung getragen. Hier findet sich nun auch Tholey in Bezug zum hl. Wendelin, der bald Mönch, dann Abt ist. Der Text entstammt einer Legendensammlung, die unter König Wenzel zwischen 1391 und 1419 entstanden ist. Der illustrierte Erstdruck erfolgte 1471/1472 in Augsburg in einem Großfolianten und fand weite Verbreitung.

Zur Legende D2:

Die Legende „Wendelinus der hyllighe man“ erscheint 1485 in einem weit verbreiteten Kölner Passionaldruck. Er beruht auf der Legenda aura des J. von Voragine. Legende D2 ist im Vergleich zu D1 verkürzt und konzentriert.

Bedeutung der Legenden

Die späten Legenden des Heiligen sind entsprechend ihrer Entstehungszeit und für die Kultgeschichte wertvolle Quellen. Für das Leben des historischen Wendelinus sind sie aber mit einer gewissen Vorsicht zu sehen.

Die älteste deutsche Fassung der Legende des hl. Wendelin erschien 1472 als gedruckter Text. In der Zeit der Spätgotik wird die deutsche Fassung der Legende als einer der ersten Texte des neu erfundenen Buchdrucks herausgegeben. Dieser Text prägt den legendären Wendelinus in der Volksfrömmigkeit bis heute.

Die Erfurter Wendelinuslegende in einem Druck von 1512

Ausschnitt Originaltext; Bei Klick auf das Bild öffnet sich der gesamte Text als PDF-Datei (2,7MB).
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(Quelle: Heimatbuch des Kreises St. Wendel 1961/1962, Seite 36ff)

Nachstehend wird eine 1512 in Erfurt, Quart mit Titelholzschnitt, erschienene Legende vom Leben des hl. Wendelin (1846 von Kuppisch in Halle im Catalogue dune collection précieuse verzeichnet) wiedergegeben. Schon die ersten Zeilen zeigen deutlich, dass sie der Nachdruck der ersten Legende „Cristus der seyn genad” ist, die gedruckt vorliegt im illustrierten Augsburger Erstdruck (Großfolie des sogenannten Wenzelpassionale: „Legendenbuch von der Hailigen leben vnd vngleublichen wundertaten. Das Sommerteil. Von sant Wendel CCXV — CCXIV. Gedruckt vo mir Ginthero zeiner geboren auß Reutlingen wonnet czu Augspurg / Am montag nach Sant Joergentag / Als man zalt von der geburdt cristi / Tausent vierhundert vnd in dem czwey vnd sibenczigisten Jare.” (Vergl. Selzer "St. Wendelin, Leben und Verehrung eines allemannisch-fränkischen Volksheiligen" 1. Aufl. — Saarbrücken, 1936 — und ein Facsimileabdruck mit hochdeutscher Bearbeitung in „Die Wendelsegende” von Hans Klaus Schmitt — St. Wendel, 1959). Diese Augsburger Ausgabe von 1472 erschien bald in oberdeutschen Druckorten (Ulm, Nürnberg, Straßburg, Basel), so auch 1512 in Erfurt, wohin die Wendelinusverehrung schon im 15. Jahrhundert vorgedrungen war. Beide Legendentexte unterscheiden sich inhaltlich kaum, sprachlich aber durch einen stärkeren sächsisch-mitteldeutschen Einschlag.

Die Barockzeit

Nach einer ersten spätmittelalterlichen Blütezeit der Wendelinus-Legenden setzt eine zweite Blüte der Legenden im Barock, das heißt nach 1700, ein. Es seien die zwei bekanntesten herausgenommen:

Ausschnitt Originaltext; Bei Klick auf das Bild öffnet sich der gesamte Text als PDF-Datei (8,8MB).
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Die Legende nach dem St. Wendeler Pfarrer Nikolaus Keller

Diese erschien erstmals 1704 und fand vielfache Druckauflagen und weiteste Verbreitung. Keller schöpfte aus Quellen und zog umfangreiche Literatur zur weiteren Ausschmückung heran. Jedoch scheitert er bei seinen Versuchen, um Historizität zu ringen. Teilkenntnisse um wahre historische Fakten und gewagte Kombinationen führen zu eklatanten Fehlern. Alle Daten bei Keller sind mit Vorsicht zu genießen.

Ausschnitt Originaltext; Bei Klick auf das Bild öffnet sich der gesamte Text als PDF-Datei (3,6MB).
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Die Legende nach Melchior Wagner OSB

Der Benediktinerpater Melchior Wagner steigerte die Kellersche Legende in atemberaubender Erzählfreude. Angebliche Quellen fand er im Schottenkloster zu Regensburg. Wegen des barocken Überschwangs fand die Wagnersche Version kaum Verbreitung.

Ausschnitt aus einem barocken Bilderzyklus

Der Aufbau der Legenden, Analyse

(nach Jenny Morsch)

Die Herkunft:

Obwohl alle Legenden und fast die gesamte Literatur St. Wendelin zum "Schotten" bzw. zum Iren machen, ergaben historische Untersuchungen, dass es keine sicheren Beweise für die iro-schottische Herkunft des Heiligen gibt. Vielmehr weisen Name und Gebeine auf eine fränkische Abstammung hin. Immerhin ist die Bezeichnung "Schotte" ein ernstzunehmender Hinweis, dass Wendelin in der Zeit der irischen Mönchsbewegung lebte und von ihr auch in seinem religiösen Leben und Wirken bestimmt war und als "Scotus" gelebt hat
Wandalinus soll Iro-Schotte gewesen sein, wovon die frühesten Quellen nichts wissen. Legende L2 gibt dem Heiligen eine irische Abkunft und befindet sich dabei in modischer Übereinstimmung mit anderen Legenden über Heilige des Maas-Mosel-Raumes, von denen man nichts oder wenig wusste, so etwa mit dem hl. Chraudingus, dem Gründer von Beaulieu in den Argonnen, der irgendwann im späten 7. Jahrhundert aus Tholey gekommen war. Erst die Legenden des 15./16. Jahrhunderts machen Wendelin (so die deutsche Namensform) zum irischen Königssohn. Der Name Wandalinus ist eindeutig ein fränkisch-romanischer Mischname aus dem beliebten germ. Stamm * Wanda- 'sich wenden, bewegen' und dem romanischen Suffix -linus, so wie übrigens auch die Heiligen Landolinus und Fridolinus (von Säckingen am Oberrhein), denen man im 10./11. Jh. eine irische Herkunft angedichtet hatte. (nach Prof. Haubrichs)    

Eltern:

Die Tendenz des Frühmittelalters lag darin, die Heiligen von edler, vornehmer Abstammung sein zu lassen. Den Wortlaut "ex nobili genere" (lat. aus edlem Geschlecht) mit diversen Steigerungen und Schattierungen findet man häufig in Heiligenlegenden. In Wirklichkeit gehörten wohl auch in der Merowingerzeit, besonders zu Lebzeiten St. Wendalins, die Heiligen meist "der höheren Schicht" an, besonders auch die Bischöfe und Missionare. Fast alle Franken und Iren, die als Heilige, Einsiedler und Glaubensboten wirkten, kamen aus gehobenen, oft höchsten Kreisen, denn nur den Begüterten stand die Bildung offen. Nur durch ihre soziale Stellung waren die Gottesmänner den heidnischen Priestern und weltlichen Großen gewachsen und ihres Erfolges sicher. So wird bestimmt auch Wendelin von edler Herkunft gewesen sein.

Kindheit und Jugend:

Über die Kindheit des Heiligen weiß die Legende kaum Auffallendes und Wundersames zu berichten. Die weniger mönchische deutsche Legende schweigt ganz über Wendelins Kindheit und Jugend. Erst die barocke Legende weiß, dass die frommen Eltern das Kind dem damaligen Bischof übergaben, es "in aller Frommkeit und glitten Sitten zu erziehen".

Berufung und Flucht:

Die ältere Legende motiviert die Flucht Wendelins aus seiner Heimat mit dem Drang und der Berufung zum Streben nach Vollkommenheit in seinem Leben. Diese Berufung geschah oft nach dem Vorbild Abrahams durch die Stimme Gottes; gerade dieses Motiv war bei den Mönchen der iro-schottischen Bewegung sehr zugkräftig, also wohl auch bei Wendelin. Das heimliche Verlassen seiner Heimat wird in allen Legenden betont.

Pilger:

Mit dem Fluchtmotiv ist auch zugleich das Pilgermotiv verbunden, das sich im späteren Pilgerpatronat des Heiligen auswirkte und das wohl an die irischen Wandermissionare anknüpft. Die gotische Legende weiß nichts Bestimmtes über die Pilgerfahrt. L3 spricht dagegen schon von "peregrinare" Erst die spätere Legende führt es weiter aus: "(Er) legte schlechte Pilgerskleider an, besuchte viele hl. Städte und Oerter und kame umb das Jahr 574 nach Rom". "Das Motiv der Romwallfahrt ist typisch für fast alle fränkisch-karolingischen Heilige und Bischöfe; aber selbst die Iren pilgerten nach Rom."
Allem Anschein nach wurde Wendelin erst spät im Hochmittelalter, als St. Wendel bereits ein Wallfahrtsheiligtum war, ein Pilgerpatron. Auffallend häufig findet man das Pilgermotiv auch bei anderen Vieh- und Bauernpatronen, und zwar meist in Verbindung mit dem Einsiedlermotiv.

Einsiedler:

Aufgrund geschichtlicher Untersuchungen geht man davon aus, dass Wendelin Einsiedler war. In der Legende wird sein Einsiedlerdasein als wirklich angenommen und erweitert: St. Wendelin wird gleich Eremit und Klausner nach seiner Ankunft in Gallien oder nach seiner Romreise, vor und nach seiner Hirtentätigkeit, an verschiedenen Orten und in unterschiedlicher Weise, als Mönch oder als Laie, verschieden nach den Auffassungen der einzelnen Zeiten vom jeweiligen Einsiedlertum. Auch die Wundertätigkeit des Einsiedlers wird geschildert als Helfer und Bauernfreund, der sich besonders des kranken Viehs annimmt im Anschluss an seine eigene Hirtentätigkeit und sein Hirtenpatronat.

Hirte:

In St. Wendelin, dem Hirten und Hirtenheiligen findet man den eigentlichen späteren Volksheiligen. Mit ihm beschäftigt sich nicht nur die Legende am intensivsten, sondern auch die mittelalterliche und spätere Kunst.
In der älteren lateinischen Legende tritt der Hirte noch weniger hervor, aber schon L1 erwähnt ihn mit einer glaubwürdigen Motivierung des Hirtenamtes und einer leisen Andeutung des Hirtenwunders. Deutlich entfalten auch L2 und L3 den Hirten, sie berichtet schon ausführlich über das typische Entrückungswunder (Translocatio), welches in D1 und D2, allerdings mit anderen Zeit- und Ortsverhältnissen, noch detaillierter beschrieben wird.
Die jüngere Kellersche Legende verschmilzt das Pilger-, Einsiedler- und Mönchsmotiv mit dem Hirtenmotiv und verbindet Trier und Tholey mit St. Wendel.

Abt von Tholey:

Die ältere mönchische Legende kennt Wendelin nur als einfachen Mönch bzw. Laienmönch. Erst in der eigentlichen deutschen Volkslegende wird der Heilige Abt in Tholey, der Vorgang zur Abterwählung ist dabei natürlich typisch wunderbar. Historischen Nachforschungen zufolge war Wendelin zu keiner Zeit Abt von Tholey.

Die Rolle Wendelins als Abt von Tholey        

Wendelinus soll der erste Abt des Klosters Tholey, zusätzlich auch der Lehrer des vorher schon erwähnten Paulus, des späteren Bischofs von Verdun, gewesen sein. Dies ist eine kühne Kombination aus der späten deutschen, 1471 im Augsburger ,Wenzelspassional' zuerst gedruckten Legende und der Tholeyer Abtsliste, deren ältester Beleg 1489/1517 entstand. In dieser wird W. als Abt von Tholey bezeichnet. Die Abtsliste entnahm der im 10. Jahrhundert in Verdun "erfundenen" Vita des hl. Paulus die nachweislich falsche Nachricht, dass dieser Mönch in Tholey gewesen sei und seine monastische Prägung von seinem Abt, als namentlich nicht genanntem "magister", d.h. Lehrer, erfahren habe, beförderte Paulus jedoch auch zum Abt, was der Tholeyer Überlieferung der Vita noch im 16. Jahrhundert fremd war. Dieser Lehrer sei Wendelinus gewesen. Diese Kostruktion geht auf den Kirchenhistoriker Caspar Bruschius, der dies 1551 zum ersten Mal behauptete, indem er die Vita des ,Wenzelspassionals' interpretierte. Die ältesten Quellen wissen von dieser Würde des Eremiten Wandalinus nichts; erst die Legende L1 (11./12. Jahrhundert ?) spricht davon, dass er - entsprechend der Spiritualität der Zeit - Mönch geworden sei. Auch dies ist späte Konstruktion: auf der sicheren Basis des Testaments des Adalgisil Grimo von 634 wissen wir nur, dass dieser Verduner Diakon die Klerikergemeinschaft in Tholey einrichtete, diese also kaum allzu lange vorher gegründet worden sein kann. (nach Prof. Haubrichs)

Missionar:

Auch über Wendelins Tätigkeit als Missionar und Apostel des Westrichs (Westreichs) weiß die Legende nichts zu berichten. Nur Keller erwähnt, dass der Gottesmann als Einsiedler von den Bauern in ihren Viehanliegen aufgesucht und von ihren inständigen Bitten so tief bewegt wurde, "daß er mit ihnen zu ihren döriferen ginge, über das krancke Viehe bettete, und es durch das H: Creutz-zeichen gesund machte. Durch dieses Mirackel ward sein Nahm in dem gantzen Westreich bekannt, und brachte allen Leuthen so großes Vertrauen zu ihm, daß wer ein kranckes Schaaff oder Viehe hatte solches zu deßen Hüftlein führte, und allzeit gesund wieder heim tribe."

Sein Sterben:

"Mit besonderer Liebe und Sorgfalt behandelt die Legende das Sterben der Heiligen. Der Todestag ist der "dies natalis" ihres ewigen glorreichen Lebens, der große Lohn- und Erntetag und schon der Beginn ihrer Verehrung als Heilige."

In der Wendelin-Legende ist in den Berichten wieder die typische Steigerung zu finden: In den lateinischen Legenden wird nur sehr wenig vom Sterben Wendelins berichtet, dagegen lässt D1 schon den Heiligen auf seinem Sterbebett noch eine letzte Ansprache halten. Erst Keller gibt ausführlich das Lebensende Wendelins und seinen Tod wieder.

Sein Begräbnis:

Ein typisches Begräbnis- und Translationswunder beschließt bereits früh das legendäre Leben Wendelins.
Bereits L2 und L3 berichten diese Wunder ausführlich: "Feierlich wie es sich geziemt, hatte man den Heiligen Leib zur Erde bestattet aber am folgenden Tags fand man das Grab offen und den Leichnam neben dem Grab (...). Ob dieses Wunder kamen all Mönche zusammen klagten unter Tränen, daß sie eines solchen Schatzes unwürdig seien. Man kam überein, durch reine schlichte Männer den Leichnam auf einen Wagen zu heben und durch ungezähmte Stiere frei nach Gottes Weisung ihn dahin fahren zu lassen, wo er ruhen solle. Und die Stiere brachten ihn geraden Wegs zu der Stelle, wo der Bote den hl Hirten angetroffen."

"Nach einer kleinen Weyl wanden ihnen die augen eröffnet, und alles Volk sahe, wie daß zweyen Engelein nben den Ochsen hergingen und sie den rechten weeg zu S: Wendel Hü'ttlein führten, aida stunden sie still und konten nit weiters treiben werden, der H: Leichnam ward aida, ehrerbietlich begraben (...).";
Man hat es beim heiligen Wendelin mit einem typischen und sehr verbreiteten Translationswunder zu tun, das bereits bei der Zurückführung der Bundeslade aus dem Lande der Philister nach Bethsames im Land der Juden erzählt wird.

Darin liegt die Bestätigung und Verherrlichung einer Translation. Ohne Zweifel soll dieses Translationswunder den sicheren und rechtmäßigen Besitz der heiligen Gebeine in St. Wendel beweisen helfen: durch den Willen des Heiligen und Beschluss des Himmels. Es ist zugleich Ursache und Beweis für den späteren Charakter des Grabes als Wunder- und Wallfahrtsstätte

Grabheiligtum:

Das Zeugnis der Legende vom ersten Grabheiligtum, das über den Gebeinen Wendelins errichtet wurde, hat keinen eigentlichen geschichtlichen Wert; es ist ein zu später und nachträglich angebrachter Niederschlag der Verehrung des Heiligen an seinem Grab.
Bereits die lateinischen Legenden berichten von der Grabstätte Wendelins als Frei- und Heilstätte in einer nach Sprache und Inhalt historisch echt und alt anmutenden Art. D2 erweitert diese Aussagen durch einen Hinweis auf die Pfingstprozession, die den hl. Leichnam von einer Kirche zur anderen überträgt. Keller führt die Legende weiter, indem er den späteren Steinsarkophag in das erhöhte Grab (erst nach 1500) bereits in die Frühzeit hineinverlegt und die erste Grabkapelle näher beschreibt.

Wunder:

Zur Heiligenlegende gehört auch das Wunder. Es lässt sich allerdings nur schwerlich die Echtheit der Legendenwunder nachprüfen, welche auch schon in frühen Legenden berichtet werden. Fasst man die Wunder der älteren lateinischen und deutschen, sowie die der neuen Legende zusammen, so erhält man einen Einblick in die Verehrung des Heiligen und in seine Patronate.
Bereits L1 spricht von einer Fülle von Wunderzeichen nach Wendelins Tod., von einem bestimmten Wunder während seines Lebens weiß sie nicht zu berichten. Typische Wendelin-Wunder erzählen erst L2 und L3:

Wiederbelebung eines ertrunkenen Knaben und das Brandwunder. D1 bringt noch zwei neue Wunder, die zeigen, wie St. Wendelin seine Grabkirche und seine Stadt schützt: Es wird die Erblindung mit anschließender Heilung eines waghalsigen Anführers, der die Stadt berauben wollte, geschildert, und auch von zwei Kirchendieben, die mit ihrem Raub nicht aus der Stadt herausfinden und gefangen werden, wird erzählt.

Im Ganzen gesehen ist die gotische Wendelin-Legende nicht übertrieben in der Häufung und in der Art der Wunder; erst die Barocklegende gibt neue Wunder zu den alten. Bei Keller sind es meist Straf- und Heilwunder an Menschen; der Bauern- und Viehpatron kommt nicht zur Geltung. Dagegen schildert Wagner Wendelin als einen wundersamen und starken Schutzpatron gegen Krankheiten bei Mensch und Vieh.

In all seinen früheren Legenden-Wundern ist St. Wendelin ein typischer Legenden-heiliger, auf den genau das passt, was Hauck allgemein bereits von den Heiligenlegenden der Merowingerzeit aussagt: "Eine Heiligenbiographie schien unvollkommen und unerbaulich, wenn sie der Wunder entbehrte, etliche Krankenheilungen, das Verlöschen eines Brandes auf das Heiligengebet, ein nicht von der Stelle zu bewegender Leichnam und dgl. durften nicht fehlen. Die Biographen bildeten die neuen Wunder älterer Erzählungen nach, übertrugen wohl auch einfach das, was von früheren Heiligen berichtet wurde, auf spätere."

Das Leben des hl. Wendelin in einem Bilderzyklus des Künstlers Josef Ritter von Führich

Wendelin verlässt heimlich das elterliche Schloss, um in der Fremde Gott zu dienen.
Wendelin verlässt heimlich das elterliche Schloss, um in der Fremde Gott zu dienen.
Im finsteren Wald baut sich Wendelin eine Einsiedelei und lebt als Eremit.
Im finsteren Wald baut sich Wendelin eine Einsiedelei und lebt als Eremit.
Wendelin begegnet vor der Kirche einem adeligen Herrn und bittet um Almosen. Der Adelige fordert Wendelin auf sich seinen Unterhalt als Hirte in seinen Diensten zu verdienen.
Wendelin begegnet vor der Kirche einem adeligen Herrn und bittet um Almosen. Der Adelige fordert Wendelin auf sich seinen Unterhalt als Hirte in seinen Diensten zu verdienen.
Der Edelmann trifft seinen Hirten Wendelin mit der Herde weitab vom Hofe. Der zornige Adelige schimpft Wendelin aus, dieser verspricht aber rechtzeitig mit der Herde in den Hof zurückzukehren.
Der Edelmann trifft seinen Hirten Wendelin mit der Herde weitab vom Hofe. Der zornige Adelige schimpft Wendelin aus, dieser verspricht aber rechtzeitig mit der Herde in den Hof zurückzukehren.
Der Edelmann und sein Gefolge reiten mit Pferden zur heimischen Burg. Der Hirte Wendelin folgt mit der Schafherde.
Der Edelmann und sein Gefolge reiten mit Pferden zur heimischen Burg. Der Hirte Wendelin folgt mit der Schafherde.
Nach scharfem Ritt gelangen der Adelige und sein Tross rasch zum Schloss. Mit Erstaunen sehen sie aber, dass Wendelin bereits die Schafherde durch die Pforte treibt.
Nach scharfem Ritt gelangen der Adelige und sein Tross rasch zum Schloss. Mit Erstaunen sehen sie aber, dass Wendelin bereits die Schafherde durch die Pforte treibt.
Die Mönche des nahen Klosters Tholey bitten Wendelin nach dem Tode ihres Abtes neuer Abt von Tholey zu werden.
Die Mönche des nahen Klosters Tholey bitten Wendelin nach dem Tode ihres Abtes neuer Abt von Tholey zu werden.
Doppelbild: Nach einer erfüllten Zeit als Tholeyer Abt verstirbt Wendelin und wird in der Klosterkirche begraben (links). Am nächsten Morgen finden die Mönche wunderbarer Weise den Leichnam Wendelins außerhalb des Grabes.
Doppelbild: Nach einer erfüllten Zeit als Tholeyer Abt verstirbt Wendelin und wird in der Klosterkirche begraben (links). Am nächsten Morgen finden die Mönche wunderbarer Weise den Leichnam Wendelins außerhalb des Grabes.
Der Leichnam Wendelins wird auf ein Ochsengespann gelegt. Das Gefährt hält an der Stelle der alten Einsiedelei Wendelins.
Der Leichnam Wendelins wird auf ein Ochsengespann gelegt. Das Gefährt hält an der Stelle der alten Einsiedelei Wendelins.
Der Leichnam Wendelins wird an der Haltestelle beerdigt. Bauleute fertigen ein erstes Grabheiligtum. Schon bald beginnt der Zustrom von Pilgern.
Der Leichnam Wendelins wird an der Stelle der früheren Einsiedelei beerdigt. Bauleute fertigen ein erstes Grabheiligtum. Schon bald beginnt der Zustrom von Pilgern.

Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Natur- und Umweltschutz zu einem neuen Thema. Diese Problematik griff man in einem neuen Wendelinuslied mit auf und sah den Heiligen auch als Patron der bedrohten Umwelt an. Es heißt wörtlich: „Hilf, guter Hirt, St. Wendelin, dass wir schützen, was da lebt und die gute Erde“